Sankt Krispin - WAGNER - Die Meistersinger von Nurnberg


Richard Wagner - Meistersinger, St. Crispin, Akt 3, Szene 5

Bild vom Mann: Hans Sachs (Meistersinger und Dichter)
Nach dem Vorspiel ist die Bühne verwandelt. Sie stellt jetzt einen freien Wiesenplan dar, im ferneren Hintergrunde die Stadt Nürnberg. Die Pegnitz schlängelt sich durch den Plan. Buntbeflaggte Kähne setzen unablässig die ankommenden, festlich gekleideten Bürger der Zünfte, mit Frauen und Kindern, an das Ufer der Festwiese über. Eine erhöhte Bühne, mit Bänken und Sitzen darauf, ist rechts zur Seite aufgeschlagen; bereits ist sie mit den Fahnen der angekommenen Zünfte ausgeschmückt; im Verlaufe stecken die Fahnenträger der noch ankommenden Zünfte ihre Fahnen ebenfalls um die Sängerbühne auf, so dass diese schliesslich nach drei Seiten hin ganz davon eingefasst ist. - Zelte mit Getränken und Erfrischungen aller Art begrenzen im Übrigen die Seiten des vorderen Hauptraumes. Vor den Zelten geht es bereits lustig her: Bürger, mit Frauen, Kindern und Gesellen, sitzen und lagern daselbst. - Die Lebrbuben der Meistersinger, festlich gekleidet, mit Blumen und Bändern reich und anmutig geschmückt, üben mit schlanken Stäben, die ebenfalls mit Blumen und Bändern geziert sind, in lustiger Weise das Amt von Herolden und Marschällen aus. Sie empfangen die am Ufer Aussteigenden, ordnen die Züge der Zünfte und geleiten diese nach der Singerbübne, von wo aus, nachdem der Bannerträger die Fahne aufgepflanzt, die Zunftbürger und Gesellen nach Belieben sich unter den Zelten zerstreuen. - Soeben, nach der Verwandlung, werden in der angegebenen Weise die Schuster am Ufer empfangen und nach dem Vordergrund geleitet.

DIE SCHUSTER (mit fliegender Fahne aufziehend)
Sankt Krispin,
lobet ihn!
War gar ein heilig Mann,
zeigt, was ein Schuster kann.
Die Armen hatten gute Zeit,
macht ihnen warme Schuh;
und wenn ihm keiner 's Leder leiht,
so stahl er sich's dazu.
Der Schuster hat ein weit Gewissen,
macht Schuhe selbst mit Hindernissen;
und ist vom Gerber das Fell erst weg,
dann streck, streck, streck!
Leder taugt nur am rechten Fleck.
(Die Stadtwächter ziehen mit Trompeten und Trommeln den Stadtpfeifern, Lautenmachern u.s.w. voraus.)

DIE SCHNEIDER (mit fliegender Fahne aufziehend)
Als Nürenberg belagert war
und Hungersnot sich fand,
wär Stadt und Land verdorben gar,
war nicht ein Schneider zur Hand,
der viel Mut hatte und Verstand.
Hat sich in ein Bocksfell eingenäht,
auf dem Stadtwall da spazieren geht,
und macht wohl seine Sprünge
gar lustig guter Dinge.
Der Feind, der sieht's und zieht vom Fleck:
der Teufel hol die Stadt sich weg,
hat's drin noch so lustige Meck-meck-meck!
Meck! Meck! Meck!
Wer glaubt's, dass ein Schneider im Bocke steck!

DIE BÄCKER (mit fliegender Fahne aufziehend)
Hungersnot! Hungersnot!
Das ist ein greulich Leiden:
gäb euch der Bäcker nicht täglich Brot,
müsst alle Welt verscheiden.
Beck! Beck! Beck!
Täglich auf dem Fleck,
nimm uns den Hunger weg!

DIE SCHUSTER
Streck! Streck! Streck!
Leder taugt nur am rechten Fleck!

DIE SCHNEIDER
Meck! Meck! Meck!
Wer meint, dass ein Schneider im Bocke steck!
(Ein bunter Kahn mit jungen Mädchen in reicher bäuerischer Tracht kommt an. Die Lehrbuben laufen nach dem Gestade.)

LEHRBUBEN
Herr Je! Herr Je! Mädel von Fürth!
Stadtpfeifer, spielt! Dass's lustig wird!
(Sie heben währenddessen die Mädchen aus dem Kahn. - Das Charakteristische des folgenden Tanzes besteht darin, dass die Lehrbuben die Mädchen scheinbar nur an den Platz bringen wollen; sowie die Gesellen zugreifen wollen, ziehen die Buben die Mädchen aber immer wieder zurück, als ob sie sie anderswo unterbringen wollten, wobei sie meistens den ganzen Kreis, wie wählend, ausmessen und somit die scheinbare Absicht auszuführen anmutig und lustig verzögern.)